Kommst du noch bis morgen?

Ein Mensch der mich durch seine Art der Krisenintervention scheinbar magisch anzog, ist Swami Dayananda, ein vedischer Meister in Südindien. In einer Erzählung über sein Tun wurde berichtet, dass er täglich hunderte Menschen in Einzelkontakten behandelte. Zuerst hielt ich es für eine Legende – Hunderte in 24 Stunden, dazu noch Schlafen, Essen, Unterrichten (der Swami nahm Schüler an), wie sollte das funktionieren? Doch abtun ließ sich die Geschichte nicht. Immer wieder kehrte mein Geist zu dem Gehörten zurück, so dass ich mein Kommen ankündigte und einen Flug buchte.

Angekommen beobachtete ich hunderte Menschen im Garten des Swami, die ruhig stundenlang, einige auch über Tage warteten, um ins Sprechzimmer des Swami vorgelassen zu werden.

Ich bat den Swami, bei seinen Sitzungen dabei sein zu dürfen, was er mit seinem eigenen Lachen und einem nahezu verschwörerischen Blick erlaubte. Was ich dann erlebte hat mich für mein weiteres Leben geprägt.

Der Swami hockte auf dem Boden, hinter ihm einige Kräuterkundige seiner Krankenstation. Ein Mensch kam, meist schweren Schrittes und in gebeugter Haltung und mit engem Blick rein, setzte sich dem Swami gegenüber und brachte sein Anliegen vor. Der Swami hörte aufmerksam hin. Nach einem Moment stellte er eine einzige Frage: „Kommst du noch bis morgen?“

Nun gab es zwei Möglichkeiten: Der Betroffene verneinte, was den Swami den Kräuterheilern etwas zumurmeln ließ und diese den Menschen mit in ihre Obhut nahmen, oder der Mensch hielt einen Moment inne, richtete sich auf, sein Blick wurde klar und weit, er sagte laut und deutlich „JA!“. Worauf der Swami wieder nur einen einzigen Satz erwiderte: „Dann komm morgen wieder.“

Ich habe in den fünf Wochen, in denen ich beim Swami weilte, niemanden wiederkommen sehen.

There is nothing as purifying as knowledge. (Nichts ist reinigender als Wissen.) 
Swami Dayananda